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Bettina Janach


Antonia Fabian


Antonia Fabian




Konzerte, Festivals und das stille Risiko: Wie Musikfans ihr Gehör schützen können


Jeder, der schon einmal nach einem guten Konzert mit pfeifenden Ohren nach Hause gegangen ist, kennt das Gefühl. Am nächsten Morgen ist meistens alles wieder normal, das Pfeifen verschwindet, und man denkt nicht weiter darüber nach. Genau das ist das Problem.

Hörschäden durch laute Musik passieren schleichend. Sie tun nicht weh, sie zeigen sich nicht sofort, und wenn sie endlich auffallen, sind sie meistens dauerhaft. Tinnitus, Hyperakusis und altersfrühe Schwerhörigkeit treten unter regelmäßigen Konzertbesuchern und Musikern deutlich häufiger auf als in der Gesamtbevölkerung. Die Daten sind eindeutig, die Aufklärung darüber ist es leider nicht.

Dieser Artikel ist kein Vortrag darüber, dass man weniger Konzerte besuchen sollte. Das wäre auch sinnlos. Es geht darum, wie man weiterhin live Musik erleben kann, ohne langfristig dafür zu bezahlen.

Wie laut ist eigentlich „laut"?

Die Maßeinheit für Lautstärke ist Dezibel (dB), und die Skala ist logarithmisch — was bedeutet, dass eine Erhöhung um 10 dB ungefähr einer Verdopplung der wahrgenommenen Lautstärke entspricht. Ein paar Referenzwerte zur Einordnung:

  • - 30 dB — leises Flüstern
  • - 60 dB — normales Gespräch
  • - 85 dB — Grenze für sichere Dauerexposition (Arbeitsschutzgrenze in Österreich und Deutschland)
  • - 100 dB — typisches Rockkonzert oder Club, Schaden möglich nach 15 Minuten
  • - 110 dB — direkt vor den Boxen bei einem Festival, Schaden möglich nach unter 2 Minuten
  • - 120 dB — Schmerzgrenze, sofortiger Schaden möglich

Die meisten Indoor-Clubs in Wien, Graz oder Salzburg arbeiten zwischen 95 und 105 dB. Open-Air-Festivals erreichen vor der Bühne regelmäßig 110 dB und mehr. Wer ein Festival-Wochenende ohne Schutz vor den Lautsprechern verbringt, sammelt eine Lärmdosis, die in einem normalen Arbeitsumfeld als Arbeitsschutzverletzung gelten würde.

Was tatsächlich im Ohr passiert

Im Innenohr sitzen die sogenannten Haarzellen — winzige Sinneszellen, die Schallwellen in Nervensignale umwandeln. Bei zu starker Lautstärke werden diese Zellen mechanisch beschädigt. Manche erholen sich, viele nicht. Anders als die meisten Körperzellen können Haarzellen sich nicht regenerieren. Was kaputt ist, bleibt kaputt.

Das Pfeifen oder Dröhnen nach einem lauten Konzert ist genau dieser Schaden in Aktion. In den meisten Fällen heilt der akute Reizzustand ab, aber jede einzelne Episode hinterlässt mikroskopische Spuren. Über Jahre summiert sich das zu messbaren Hörverlusten, oft zuerst im Hochtonbereich, wo Konsonanten unterschieden werden — weshalb ältere Konzertgänger oft Schwierigkeiten haben, in lauten Umgebungen Gespräche zu folgen, selbst wenn sie „eigentlich noch gut hören".

Tinnitus ist die zweite Folge, die viele unterschätzen. Ein dauerhaftes Pfeifen oder Rauschen im Ohr, das nie wieder weggeht, ist eine der häufigsten Spätfolgen langjähriger Lärmexposition. Es gibt keine zuverlässige Heilung, nur Strategien zur Gewöhnung.

Die Lautstärke messen, bevor sie schadet

Der erste Schritt zu besserem Gehörschutz ist überraschend einfach: wissen, wie laut die Umgebung tatsächlich ist. Die meisten Menschen schätzen Lautstärke deutlich falsch ein, weil sich das Gehör innerhalb von Minuten an hohe Pegel gewöhnt.

Hier hilft eine einfache Smartphone-Lösung. Apps wie HowLoud messen die Umgebungslautstärke in Echtzeit in Dezibel und zeigen sofort an, ob man sich in einem sicheren Bereich befindet oder ob ein Hörschutz dringend nötig wäre. Die Genauigkeit moderner Smartphone-Mikrofone reicht für Orientierungsmessungen vollkommen aus — auf wenige Dezibel genau, was im praktischen Alltag ausreicht, um die richtige Entscheidung zu treffen.

Anwendungsfälle, die für Musikfans relevant sind:

  • - Vor dem Konzert kurz die Lautstärke am gewählten Stehplatz prüfen
  • - Während des Konzerts entscheiden, ob ein Positionswechsel weiter weg von den Boxen sinnvoll ist
  • - In Clubs und Bars einschätzen, ob man Gehörschutz nachrüsten sollte
  • - Zu Hause feststellen, bei welcher Lautstärke man Musik bedenkenlos hören kann

Wer es genauer haben möchte, kann mit der Premium-Version auch Verlaufsdaten speichern und die kumulative Lärmdosis über eine Veranstaltung tracken — das ist besonders für Festivalbesucher interessant, weil die Gesamtbelastung über zwei oder drei Tage hinweg meistens unterschätzt wird.

Gehörschutz, der das Musikerlebnis nicht ruiniert

Die häufigste Einrede gegen Gehörschutz lautet: „Aber dann klingt die Musik schlechter." Das war früher tatsächlich ein berechtigtes Argument. Klassische Schaumstoff-Ohrstöpsel dämpfen vor allem die Höhen und lassen Bässe durch, was Konzerte dumpf und leblos klingen lässt.

Moderne Musiker-Ohrstöpsel arbeiten anders. Sie senken den Schalldruck gleichmäßig über das gesamte Frequenzspektrum ab, typischerweise um 15 bis 25 dB. Das bedeutet: die Musik klingt fast genauso wie ohne Schutz, nur eben leiser. Der Unterschied zwischen 100 dB und 80 dB ist enorm für die Ohren, aber das Klangerlebnis bleibt nahezu identisch.

Preislich liegen brauchbare Modelle zwischen 20 und 200 Euro. Die günstigen funktionieren überraschend gut für Gelegenheitsbesucher. Wer mehrmals im Monat auf Konzerte oder in Clubs geht, sollte über maßgefertigte Modelle nachdenken — sie sitzen besser, dämpfen präziser und halten Jahre.

Eine realistische Routine für regelmäßige Konzertgänger

Für Leser, die viel live Musik hören und ihr Gehör langfristig erhalten wollen, hier eine pragmatische Routine, die im echten Leben funktioniert:

  1. Vor dem Konzert — Ohrstöpsel einpacken, Lautstärke-App auf dem Handy bereithalten
  2. Beim Einlass — Position wählen, nie direkt vor oder neben den Boxen stehen, auch wenn die Sicht dort besser wäre
  3. Während des Konzerts — bei Pegeln über 100 dB konsequent Stöpsel tragen, gelegentlich kurz die App checken
  4. Nach dem Konzert — wenn die Ohren pfeifen, war es zu laut. Beim nächsten Mal mehr Abstand oder besserer Schutz
  5. Zwischen Konzerten — den Ohren Ruhe gönnen, mindestens 16 Stunden ohne starke Lärmbelastung nach lauten Veranstaltungen

Diese Routine kostet praktisch nichts, ändert das Konzerterlebnis nicht spürbar, und reduziert das Risiko für dauerhafte Schäden erheblich.

Was Musiker selbst längst wissen

Ein interessanter Punkt zum Schluss: praktisch alle professionellen Musiker, die live spielen, tragen heutzutage In-Ear-Monitore oder Gehörschutz auf der Bühne. Die Generation davor — viele bekannte Rockstars der 70er, 80er und 90er — leidet überdurchschnittlich oft unter Tinnitus und Schwerhörigkeit. Pete Townshend, Eric Clapton, Phil Collins, Chris Martin und viele andere haben öffentlich über ihre Hörschäden gesprochen.

Die Musiker haben aus dieser Erfahrung gelernt. Das Publikum hinkt etwas hinterher, aber die Logik ist genau dieselbe. Wenn jemand, der jeden Abend auf der Bühne steht, Gehörschutz für selbstverständlich hält, sollte das jemandem, der zwei Konzerte im Monat besucht, auch zu denken geben.

Fazit

Konzerte und Festivals sind eines der besten Dinge im Leben — und sie bleiben es länger, wenn man dem eigenen Gehör ein bisschen Sorgfalt gönnt. Lautstärke messen, an lauten Stellen Schutz tragen, den Ohren zwischendurch Pausen gönnen. Drei einfache Gewohnheiten, die nichts vom Erlebnis nehmen und potenziell jahrzehntelange Probleme verhindern.

Die Wahrnehmung der eigenen Lärmbelastung ist der erste Schritt. Alles andere folgt von selbst.